Beziehung
Baby glücklich

Väter in Karenz

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Vater mit Baby glücklich
Foto: shutterstock/Oksana Kuzmina

Zeit mit dem Nachwuchs

Was veranlasst Männer dazu, sich aktiv in die Kinderbetreuung einzubringen? "Ansteckend" wirkt für viele die erste Zeit nach der Geburt. So meint Fabrice, 35, der in der Telekommunikationsbranche tätig ist, es sei "ein Schock" gewesen, "als ich nach den ersten drei gemeinsamen Wochen wieder in den Job zurückgekehrt bin. Für unseren Sohn wurde ich fast zu einem Fremden. Die Wochenenden sind einfach zu kurz". Ein Problem, das er und seine Familie mit vier Monaten Vaterkarenz lösen. Zeit zu schenken und der Wunsch, die Entwicklung des Kindes mitzuerleben: Das sind die Anreize für Väterkarenz. Aber auch andere Überlegungen spielen mit. "Ich wollte diese Zeit mit meinem Sohn erleben. Zusätzlich war es uns ein Anliegen, dass meine Frau nicht zu lange aus dem Job aussteigt", erklärt Mark, 44, seine Motive, aus leitender Funktion in einem Pharmakonzern in die Rolle des Hausmannes und Vaters eines siebenmonatigen Sprösslings zu schlüpfen. Für Karin, die Partnerin von Fabrice, geht es auch um die männliche Vorbildwirkung: "Wenn ich mit unserem Kleinen unterwegs bin, sieht er fast den ganzen Tag nur Frauen: an der Kassa im Supermarkt, in der Straßenbahn, in der Spielgruppe. Ich möchte, dass er lernt, dass Männer genauso gut versorgen, kochen und Hausarbeit machen können wie Frauen, und dass Mütter ebenso berufstätig sind wie Väter".

Kind & Karriere

Zumindest für die befragten Männer war es unproblematisch, ihre Karenz beim Arbeitgeber durchzusetzen. Dass es zu keinem Aufschrei in den Chefetagen gekommen ist, schreiben sie der Größe ihrer Firma und Projektarbeit zu. So konnten sie in Absprache mit den Vorgesetzen und den (vorwiegend männlichen) Kollegen die günstigste Zeit für die Karenz planen. Üblicherweise ist die Väterkarenz zu kurz, um eine Vertretung einzustellen; die Arbeit wird oft auf die Kollegen aufgeteilt. Diese hätten, so die Befragten unisono, durchwegs positiv reagiert. "Die meisten sagen: "Genieß die Zeit"‘ Viele Kollegen würden auch gerne in Karenz gehen, tun es aber nicht", schildert Fabrice, der wie alle anderen Interviewten in seinem Betrieb eine Vorreiterrolle einnimmt, seine Erfahrungen. Dass die Entscheidung für die Karenz nicht von der Angst begleitet war, den Job zu verlieren oder die Karriere zu verlangsamen, lässt sich einerseits mit den positiven Rückmeldungen und andererseits mit der als sicher empfundenen Jobsituation der befragten Väter erklären. Für Alex, 34, der in der Maschinenbaubranche tätig ist, hatte die "Babypause" eine veränderte Sichtweise auf das Thema Karriere zur Folge: "Vor der Karenz verbrachte ich aufgrund eines Karriereschritts sehr viel Zeit in der Firma. Zwei Monate Zeitguthaben waren da schnell aufgebaut, sodass ich die Karenz auf insgesamt vier Monate verlängern konnte. Das hat mir die schönen Seiten des Familienlebens noch stärker bewusst gemacht. Als Konsequenz wollen meine Frau und ich beide Teilzeit arbeiten, bis unsere Jüngste sieben Jahre alt ist".

Abenteuer Alltag

Die Zeit der Väterkarenz nützen Familien oft für die Eingewöhnung des Nachwuchses in Krabbelgruppe oder Kindergarten - so auch Fabrice und der 18 Monate alte Theo. Dass sich Eltern bereits in jüngerem Alter des Kindes mit der Karenz abwechseln, ist noch ungewöhnlich. Mark und seine Frau zeigen jedoch, dass es funktionieren kann: Da Eva hauptsächlich von zu Hause aus arbeitet, kann sie den sieben Monate alten Tristan zwischendurch stillen. Wenn die Haushaltspflichten wie Wäschewaschen oder Kochen erledigt sind, findet man Mark meist draußen: in den vergangenen Wintermonaten beispielsweise beim Langlaufen mit einem warm eingepackten Bündel in der Rückentrage. Während sich die einen auf den - oft anstrengenden - Alltag mit Kind einlassen, suchen die anderen das Abenteuer. Richard, 38, technischer Angestellter, und seine Lebensgefährtin haben die Zeit der Karenz für eine fünfmonatige Auszeit genutzt: "Reiselustig, wie wir sind, haben wir uns mit unseren zwei Kindern, damals 16 Monate und vier Jahre, ins Auto gesetzt und sind zwei Monate durch Marokko gereist. Das sind Erinnerungen, die bleiben".

Win-win-Situation

In die Haut des anderen zu schlüpfen fördert das gegenseitige Verständnis und die Wertschätzung für die Tätigkeit des Partners. Laut einer aktuellen Studie der Universität von Western Ontario, Kanada, bleiben Paare, die sich die Kinderbetreuung teilen, länger zusammen. Für Mütter ist der Rollenwechsel des Partners zum Vater oft richtiggehend "sexy", wie Eva beobachtet. Den befragten Männern fiel die Umstellung von der klassischen Erwerbstätigkeit zur Fürsorgearbeit übrigens durchaus leicht. "Die Männlichkeitsfrage ist schon mal in meinen Gedanken aufgetaucht; schlussendlich musste ich darüber schmunzeln", so Mark. "Wenn man die Anerkennung der Partnerin spürt, erledigt sich diese Frage ganz von selbst". So viel partnerschaftliches Einverständnis wirkt sich natürlich positiv auf die Kleinen aus. "Der Erziehungsstil wird einheitlicher", beschreibt Richards Lebensgefährtin die Familiendynamik. Auf der anderen Seite profitieren Kinder davon, dass Papa andere Dinge ... und Dinge anders macht als Mama. So können neue Erfahrungen anregend für die Entwicklung des Kindes sein. Männern bietet die Väterkarenz die Chance, so richtig in die Vaterrolle hineinzuwachsen. Dank dieser Erfahrung bedauert Alex, nicht schon bei seiner älteren Tochter in Karenz gewesen zu sein. "Man muss Zeit und Aufmerksamkeit einbringen, um als Vater in den Genuss des kindlichen Urvertrauens zu kommen", ist er heute überzeugt. Seine Partnerin Jette: "Es war schön zu sehen, wie unsere jüngere Tochter, damals ein Jahr alt, schnell die Hauptbezugsperson gewechselt hat. Am Anfang der Vaterkarenz hat sie zu Alex "Mama" gesagt". Und wie geht es ihr als berufstätige Mutter? "Die Mama ist der neue Papa", meint sie mit einem erschöpften Lachen. Sie arbeitet momentan Vollzeit und hat innerhalb von drei Monaten 100 Überstunden aufgebaut. Doch auch Väter sind in der Zeit der Kinderbetreuung voll gefordert: Ersten Berichten zufolge macht Burn-out auch vor der Karenz nicht halt. "Die Aussage "Da kommt ja der Urlauber" äußern hauptsächlich Kolleginnen und Kollegen, die selbst nie für Kinder gesorgt haben", resümiert einer der Befragten.

Beispiel Skandinavien

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel anderer europäischer Länder. Besonders Skandinavien wird gerne als Vorbild herangezogen. Im kleinen Island zum Beispiel gehen acht von zehn Männer in Karenz. Der Grund: Wenn der Vater das nicht tut, werden der Familie drei Monate von der Karenz abgezogen. Noch wichtiger ist jedoch, dass man als Mann oder Frau in Karenz in Island 80 Prozent des letzten Verdienstes bezieht, so wie es auch in Schweden ist. Dafür sind die Karenzzeiten kürzer, ein Jahr in Schweden, neun Monate in Island. Die Erfahrungen aus Skandinavien zeigen, dass gerade diese kurzen, gut bezahlten Karenzzeiten dafür sorgen, dass Kinder und Karriere sich nicht mehr ausschließen. Und das motiviert gerade Väter, sich stärker in die Familienarbeit einzubringen - auch nach der Karenz. Voraussetzung dafür sind jedoch hochwertige, flexible und ausreichende Kinderbetreuungsplätze. In Schweden hat jedes Kind ab dem 1. Geburtstag das Recht auf einen Betreuungsplatz. Davon profitieren Kinder, Mütter, Väter und Unternehmen, die ihre Mitarbeiter trotz Kindersegen zeitig wieder an Bord haben. Der einzige Wehmutstropfen: Das schwedische Sozialsystem verursacht immense Kosten, die sich in rekordverdächtig hohen Steuern niederschlagen.

www.oesterreich.gv.at

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