Wie Sie Ihr Kind in seiner natürlichen Bewegungsentwicklung unterstützen können
Noch immer ist es üblich, kleine Kinder viel zu früh in die aufrechte Position zu bringen, sie an den Händen zu führen, mit ihnen gehen zu üben. Kinder werden damit nicht nur um die Erfahrung gebracht, etwas aus eigener Kraft zu erreichen; sie werden auch vom Erwachsenen abhängig gemacht in einem Prozess, der von selbst und völlig natürlich stattfände, wenn wir uns nicht einmischten.
Jedes gesunde Kind lernt gehen! Steuernde Eingriffe führen nur dazu, dass dem Kind das Ausloten seines Gleichgewichts nicht mehr gelingt und es gezwungen ist, an der Erwachsenenhand „baumelnd“ den Versuch aufzugeben. All das geschieht natürlich nicht in böser Absicht, sondern im Wunsch, dem Kind bei seinen Gehversuchen zu „helfen“, es bestmöglich zu fördern.
Vom Rhythmus der Bewegungsentwicklung
Um diesen unseligen Pfad erst gar nicht zu beschreiten, muss man wissen, wie Kinder ihre Motorik ausbilden.
Herausragende Forschungsarbeit zu diesem Thema leistete die ungarische Kinderärztin Dr. Emmi Pikler. Sie hat sich bereits in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg die Frage gestellt: „Warum lassen wir den Säugling sich nicht seinen eigenen Gesetzen gemäß entwickeln?“ (Pikler 1940: „Lasst mir Zeit“). In langjährigen Studien im von ihr gegründeten Kinderheim Loczy wurde ihr klar: Jede Bewegungsart dient dem Aufbau der nächsten. Die dafür benötigten Muskeln trainiert das Kind von sich aus und so lange, bis sie kräftig genug sind für die nächste Etappe. So tastet es sich Schritt für Schritt in seinem eigenen Tempo und auf ganz individuelle Weise voran. Beim selbständigen Üben findet es für sich die beste Art heraus, um sich sicher und harmonisch zu bewegen, bis es frei stehen und in weiterer Folge frei gehen kann.
Ein Säugling fördert sich selbst von früh bis spät. Ihn zum Sitzen oder Stehen aufzurichten ist nicht nur überflüssig, sondern schädlich.
Emmi Pikler
Stufen der freien Bewegungsentwicklung
Die Entwicklungsverläufe von Kindern können ganz unterschiedlich sein, dennoch ist ein gewisses Grundmuster von Entwicklungsschritten und Übergangsstufen erkennbar.
- Die erste natürliche Lage des Kindes ist die Rückenlage. Von da aus erforscht es seine Hände, indem es sie bewegt, Fäuste macht und wieder löst, dreht und in die Luft boxt. Es entwickelt dabei seine Auge-Hand-Koordination, eine wichtige Basis für die Ausbildung des Gleichgewichts. Dazu strampelt es mit den Füßchen und trainiert seine Bein- und Bauchmuskeln.
- Sind diese ausreichend gekräftigt, versucht es sich auf die Seite zu drehen. Es übt nun verschiedene Drehbewegungen, erreicht spontan die Bauchlage und dreht sich danach immer wieder zurück. Die Bewegungen des Wälzens und Rollens stärken seinen Rumpf.
- Die zweite Hälfte seines ersten Lebensjahres verbringt das Kind meist kriechend, spielend, forschend und in weiterer Folge krabbelnd in der Bauchlage.
- Es kann aber auch sein, dass ein Kind zuvor entdeckt, wie es von dieser Position ins Sitzen kommt: nämlich indem es sich seitlich auf den Ellbogen stützt. Die damit verbundene Lageveränderung fordert vom Kind, sein Gleichgewicht zu finden, und nimmt seine ganze Aufmerksamkeit und Kraft in Anspruch. Diesen Vorgang übt das Kind wieder längere Zeit während seines Spiels.
- Ein kleiner Teil aller Kinder zieht sich etwa um den zehnten Lebensmonat erstmals hoch, eine größere Anzahl tut das erst nach dem ersten Geburtstag.
- Vom ersten Hochziehen bis zum freien Stehen können wieder Monate vergehen. Es ist also durchaus normal, dass die ersten Schritte lange nach dem ersten Geburtstag, etwa mit 14 oder auch erst 21 Monaten, unternommen werden, wenn das Kind unbeeinflusst seine Motorik entwickeln darf.
- Ist das geschafft, so verfeinert und übt das Kind sein Können in verschiedenen Umgebungen, auf unebenem Untergrund, beim Treppensteigen, beim Laufen, bei Gehen über Hindernisse usw.
Was man sich sparen kann: Vom Unsinn der Lauflernwagerl
Blickt man mit diesem Wissen auf die Prozesse der Bewegungsentwicklung, so erkennt man, dass Lauflernwagerl, Gehfrei, Babywalker & Co keine adäquaten Lernhilfen sein können. Sie sind Erfindungen des Marktes, die Kindern mehr Schaden als Nutzen bringen.
Warum? Damit überspringt das Kind wichtige Stufen seiner Bewegungsentwicklung, um dann einem sperrigen „Hilfsmittel“ ausgeliefert zu sein. Entweder es rennt einem solchen Wagerl unkontrolliert hinterher, weil es für das Kind kaum möglich ist, die Geschwindigkeit zu regulieren oder das Wagerl zu stoppen. Oder, noch schlimmer: Es wird hineingesetzt, wenn es noch nicht einmal frei stehen kann. Dann kostet es das Kind eine enorme Anstrengung, sich aufrecht zu halten; seine Muskulatur ist viel zu schwach und es muss die fehlende Stabilität unter Stress ausgleichen.
So werden die falschen Muskeln in falscher Weise „gestärkt“ und spätere Haltungsschäden sind vorprogrammiert. Erwachsene meinen oft, die Kinder hätten Spaß in solchen Apparaturen, weil sie dabei aufgeregt glucksen und lachen. Das ist leider ein Trugschluss! Dieses Lachen geschieht nämlich nicht aus Lust und Freude, sondern ist als Übersprungshandlung zu verstehen. So wird eine Reaktion bezeichnet, die eigentlich nicht zum emotionalen Zustand des Kindes passt. Sein Stresslevel ist gerade hoch und durch das Lachen versucht es, die Anspannung auszugleichen.
Um Babys auf ihrem Weg zum freien Gehen angemessen zu begleiten, braucht es eigentlich nicht viel: unser Vertrauen und manchmal auch unsere Grenzen sowie eine sichere Umgebung mit ganz einfachen Spielsachen, z. B. Töpfe, Kochlöffel, Tücher … Diese regen das Kind an, sich hinzubewegen, aber binden seine Aufmerksamkeit nicht völlig, wie etwa elektronisches Spielzeug das tut. Am besten trägt das Kind dabei keine Socken oder Schuhe. Barfuß wird der Untergrund genau erspürt und diese Informationen gehen direkt ans Gehirn, um die Bewegung optimal anpassen zu können.
Das Kind geht nicht früher, nur weil man daran zieht.
Laufenlernen ist ein individueller Prozess, der nicht beschleunigt werden kann.
Lassen wir Kindern Zeit!
Wenn sie die Möglichkeiten ihres Bewegungsspektrums in ihrem eigenen Tempo und Rhythmus auf- und ausbauen können, dann ist das die ideale Basis für eine gesunde Körperhaltung und lebenslange Bewegungsfreude!
Emmi Pikler, Anna Tardos
Lasst mir Zeit. Die selbstständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen.
Handbuch für Eltern, Erzieherinnen & Kinderärzte.
ISBN 978-3-7905-1068-3
Erschienen im Verlag Pflaum
Emmi Pikler
(1902-1984)
Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler gründete 1946 das Waisenhaus Loczy in Budapest. Sie entwickelte eine Pädagogik, die das Kind von Geburt an als Person wahr- und ernst nimmt. Durch die beziehungsintensive Pflege im Loczy gelang es, Waisenkinder in Liebe und Respekt, frei von psychischen Schäden aufwachsen zu lassen. Bei dieser Arbeit gewann Emmi Pikler ihre Erkenntnisse über die Bedeutung der freien, ungelenkten Bewegungsentwicklung. Ihre Tochter Anna Tardos verbreitete auch nach Emmi Piklers Tod ihren pädagogischen Ansatz durch Vorträge, Ausbildungen und zahlreiche Publikationen.
Autor:in:
Mag. Petra Autherid ist ausgebildete Kindergartenpädagogin und studierte Erziehungswissenschaften. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit arbeitet sie in einem Montessori-Kindergarten. Aktuelle Artikel