Die Geburt eines Kindes bietet eine einmalige medizinische Chance: Stammzellen aus Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazentagewebe können unmittelbar nach der Entbindung gewonnen und langfristig konserviert werden.
Diese biologischen Ressourcen, die ansonsten als medizinischer Abfall entsorgt würden, gelten in der Forschung als vielversprechende Grundlage für regenerative Therapien. Das sind Behandlungen, die geschädigte Zellen, Gewebe oder Organe reparieren oder ersetzen, indem sie die körpereigenen Regenerations- und Selbstheilungskräfte gezielt anregen oder biologisches Ersatzgewebe einsetzen.
Für werdende Eltern stellt sich die Frage: Welche Möglichkeiten bieten diese Stammzellen tatsächlich, und unter welchen Umständen ergibt eine Einlagerung Sinn?
Stammzellen als Grundlage regenerativer Medizin
Stammzellen unterscheiden sich von gewöhnlichen Körperzellen durch zwei wesentliche Eigenschaften: Sie können sich unbegrenzt teilen und besitzen die Fähigkeit, sich in verschiedene spezialisierte Zelltypen zu entwickeln. Diese Differenzierung ermöglicht die Bildung von Blutzellen, Nervenzellen, Knorpelgewebe oder Bindegewebe.
In der medizinischen Forschung stehen Stammzellen im Zentrum regenerativer Ansätze, da sie theoretisch geschädigte Gewebe oder Organsysteme erneuern können.
Bei der Geburt stehen drei verschiedene Quellen für Stammzellen zur Verfügung, die jeweils unterschiedliche Zelltypen enthalten und damit verschiedene therapeutische Perspektiven eröffnen.
Nabelschnurblut: Etablierte Therapieoption
Das Restblut in der Nabelschnur enthält hämatopoetische, also blutbildende Stammzellen. Diese werden bereits seit Jahrzehnten therapeutisch eingesetzt, hauptsächlich bei schweren Erkrankungen des Blut- und Immunsystems. Zu den etablierten Anwendungsgebieten zählen Leukämien und bestimmte Blutbildungsstörungen.
Die Nabelschnur, eine etwa 50 bis 60 Zentimeter lange, spiralförmig gedrehte Struktur, versorgt das ungeborene Kind während der Schwangerschaft über Blutgefäße mit Sauerstoff und Nährstoffen. Nach der Geburt verbleibt Blut in diesen Gefäßen – eine konzentrierte Quelle hämatopoetischer Stammzellen, die bei Nichtkonservierung verloren geht.
Ein medizinischer Vorteil dieser Zellen liegt in ihrer biologischen Jugend: Sie wurden noch nicht durch Umwelteinflüsse belastet und zeigen statistisch seltener Abstoßungsreaktionen als Spenderknochenmark bei Transplantationen.
Nabelschnurgewebe: Mesenchymale Stammzellen mit Forschungspotenzial
Das Nabelschnurgewebe, fachsprachlich als Whartonsches Gelée bezeichnet, bildet eine gelatinöse Schutzschicht um die Blutgefäße der Nabelschnur. Dieses Gewebe enthält mesenchymale Stammzellen, die sich zu Bindegewebe, Knorpel, Knochen oder Fettzellen differenzieren können.
In klinischen Studien wird das therapeutische Potenzial dieser Zellen bei Gelenk- und Gewebeerkrankungen untersucht, beispielsweise bei Arthrose oder nach Verletzungen. Die Kombination von Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe ermöglicht die Gewinnung zweier unterschiedlicher Stammzelltypen aus einer einzigen Entnahme – eine Erweiterung des biologischen Vorsorgeansatzes.
Plazentagewebe
Der kindliche Anteil der Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, stellt ein umfangreiches Reservoir sowohl hämatopoetischer (Blut bildender) als auch mesenchymaler (Binde‑ und Stützgewebe bildender) Stammzellen dar. Hämatopoetische Stammzellen bilden alle Blutzellen, mesenchymale solche wie Knochen, Knorpel, Muskel oder Fett.
Die Plazenta funktioniert während der Schwangerschaft als Filter- und Austauschorgan zwischen mütterlichem und kindlichem Organismus, wobei die Blutkreisläufe strikt getrennt bleiben. Nach der Geburt enthält ihr kindlicher Anteil eine hohe Konzentration an Stammzellen.
Seit Juli 2025 bietet Vita 34 zusätzlich die Einlagerung von Plazentagewebe an. Plazentastammzellen stehen zunehmend im Fokus der regenerativen Medizin. In der Forschung werden sie unter anderem im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen wie Autismus, Zerebralparese oder Multiple Sklerose sowie bei Schlaganfällen und Diabetes untersucht. Die Zahl klinischer Studien in diesem Bereich wächst kontinuierlich, was das langfristige medizinische Potenzial unterstreicht. Viele dieser Anwendungen befinden sich allerdings noch in experimentellen Forschungsphasen.
Ablauf der Gewinnung und Einlagerung
Die Entnahme von Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazentagewebe erfolgt unmittelbar nach der Geburt und der Abnabelung. Der Vorgang ist vollständig schmerzfrei und birgt kein medizinisches Risiko für Mutter oder Kind, da ausschließlich Material verwendet wird, das nach der Entbindung nicht mehr benötigt wird. Hebammen oder ärztliches Personal führen die Entnahme unter sterilen Bedingungen durch.
So funktioniert die Stammzelleinlagerung
Anbieter wie Vita 34, die zur FamiCord Group – dem größten Stammzellnetzwerk Europas – gehört, wendet seit Jahrzehnten höchste Standards in der Gewinnung, Aufbereitung und langfristigen Lagerung von Stammzellen an.
Der Ablauf in Kürze:
- Beratung & Anmeldung: Die Einlagerung wird vor der Geburt angemeldet, wobei umfassende Informationen zu den verfügbaren Optionen bereitgestellt werden.
- Entnahme bei Geburt: Nabelschnurblut und gegebenenfalls Gewebe sowie Plazentagewebe werden nach der Geburt von Hebammen oder Ärzten vor Ort sicher entnommen.
- Transport & Labor: Ein spezialisierter Kurier bringt das Material ins Labor, wo es strengen Qualitätskontrollen hinsichtlich Zellzahl, Sterilität und Infektionsfreiheit unterzogen wird.
- Cryo-Lagerung: Geeignete Proben werden bei minus 180 °C in Stickstoffdämpfen (Gasphase) tiefgekühlt und jahrzehntelang stabil aufbewahrt – ohne direkten Kontakt mit flüssigem Stickstoff. Die Gasphase-Lagerung ist Standard bei Vita 34 und anderen Banken, um Kontamination und mechanische Schäden zu vermeiden.
- Zugriff bei Bedarf: Im Fall einer medizinischen Behandlung stehen die eingelagerten Stammzellen schnell zur Verfügung.
Warum jetzt vorsorgen?
- Stammzellen aus Nabelschnur und Plazenta können ausschließlich bei der Geburt gewonnen werden.
- Diese einmalige Chance lässt sich später nicht nachholen.
- Die eingelagerten Stammzellen stehen dem Kind – und der Familie – ein Leben lang zur Verfügung.
- Sie schaffen eine zusätzliche medizinische Option für heute bekannte und künftig mögliche Therapien.
Realistische Einschätzung: Chancen und Grenzen
Bei der Entscheidung für oder gegen eine Stammzelleinlagerung sollten Eltern sowohl die Potenziale als auch die Einschränkungen berücksichtigen.
Vorteile
- Einmalige Möglichkeit: Biologisches Material, das ansonsten entsorgt würde, bleibt nutzbar.
- Risikofreiheit: Schmerzfreie Entnahme ohne Beeinträchtigung des Geburtsprozesses.
- Junge Zellen: Höheres regeneratives Potenzial und geringeres Abstoßungsrisiko.
- Vielfalt: Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazentagewebe decken verschiedene therapeutische Ansätze ab.
Einschränkungen
- Kosten: Einmalige und laufende Entgelte, die von Krankenversicherungen üblicherweise nicht erstattet werden.
- Forschungsstand: Viele diskutierte Anwendungen, insbesondere im neurologischen Bereich, befinden sich noch in experimentellen Studienphasen.
Informierte Entscheidung für Familien
Die Entscheidung für oder gegen eine Stammzelleinlagerung ist eine persönliche Abwägung, die auf fundiertem Wissen basieren sollte. Private Einlagerungen schaffen eine biologische Reserve für die eigene Familie und können im Bedarfsfall therapeutische Optionen eröffnen.
Eine solche Vorsorge ergänzt etablierte Maßnahmen wie Impfungen oder Früherkennungsuntersuchungen. Entscheidend ist, sich umfassend über die Möglichkeiten und Grenzen zu informieren – auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nur so lässt sich eine bewusste Wahl treffen, die zur individuellen Situation und den eigenen Werten passt.
Autor:in:
Mag. Claudia Ohnesorg-Csik studierte Handelswissenschaften an der WU Wien. Ist Mutter von zwei Töchtern. Sie ist für die Online Redaktion zuständig und verantwortet die Social Media Präsenz. Aktuelle Artikel Bildquellen…
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