Kann man ein Wesen verwöhnen, das in so gut wie allem von uns Erwachsenen abhängig ist? Und wohin kann dieses Verwöhnen führen? Erziehen wir uns einen Haustyrannen heran, wenn wir sofort springen, sobald das Baby weint? Eine Spurensuche.
Warum galten Babys früher als verwöhnbar?
Ein afrikanisches Sprichwort besagt, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen. Tatsächlich trifft dieses Sprichwort auch auf unsere Breiten zu. Erblickt ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt, hagelt es von allen Seiten Erziehungstipps, Ratschläge, Vorwürfe und kritische Fragen auf die Eltern ein – und natürlich wollen alle „nur das Beste“.
Besonders beliebt ist dabei die Feststellung: „Du verwöhnst dein Baby.“ Doch geht das überhaupt
Der Mythos vom verwöhnten Baby ist schon alt. Kinder und ihre Bedürfnisse standen in unserer Geschichte meist ganz weit unten auf der Prioritätenliste. Schlimmer sogar: Oftmals wurden Kindern ihre Bedürfnisse aberkannt. Sie mussten „funktionieren“, und das am besten so früh wie möglich.
Für Erwachsene war ein solch „braver“ Nachwuchs angenehm. Zu Kriegszeiten war kein Platz für Eigenheiten. Ein Soldat muss gehorsam sein und das Volk in schweren Zeiten stark und opferbereit. Erziehungsratgeber wie das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, das sich zu NS-Zeiten in beinahe jedem Bücherregal befand, beeinflussten die Erziehung von Millionen Kindern – mit Auswirkungen bis heute.
Um einem Haustyrannen vorzubeugen, wurde beispielsweise empfohlen, „hart“ zu bleiben. Habe man ausschließen können, dass das Baby an Hunger, Kälte oder Müdigkeit leide, sollte der schreiende Spross am besten allein gelassen werden. Auf keinen Fall dürfe das Kind erkennen, dass es mit seinem Schreien etwas bewirke. Nur ein ruhiges Baby war ein braves Baby.
Warum schreien Babys wirklich?
Aus evolutionspsychologischer Sicht ist das natürlich Unsinn. Damit ein Baby auch nur annähernd so fit und selbstständig ist wie der Nachwuchs unserer nächsten Artverwandten, müsste es eigentlich noch mindestens sechs bis sieben Monate länger in Mamas Bauch bleiben. Dass aber bereits nach etwa neuneinhalb Schwangerschaftsmonaten die Geburt erfolgt, ist vor allem unserem Stoffwechsel geschuldet. Der weibliche Körper arbeitet unter Hochdruck daran, zwei Organismen mit allem Notwendigen zu versorgen. Doch mit fortschreitendem Wachstum des Fötus wird das immer schwieriger. Das Baby muss auf die Welt kommen, so unfertig und hilflos, wie es nun einmal ist.
Um in möglichen Gefahrensituationen auf sich aufmerksam zu machen, kann dieses kleine Wesen nur eines: aus Leibeskräften schreien. Tatsächlich verlangt das Schreien dem kleinen Körper viel Kraft und Energie ab und wird daher nur dann eingesetzt, wenn sich das Baby in allergrößter Not sieht, und nicht, weil es seine Lungen kräftigen möchte. Es schreit also, weil es überleben will, und hört erst dann damit auf, wenn es sich wieder in Sicherheit wiegt oder es erfahren musste, dass es alleine ist und niemand sich für sein Alleinsein interessiert.
Stresshormon Cortisol: Was macht Schlaftraining mit dem Baby?
Auch hier hat Mutter Natur wieder gut nachgeholfen, denn ein Baby, auf dessen Rufe niemand reagiert, sollte besser schweigen, damit es nicht von gefährlichen Tieren gefunden wird. Eindrucksvoll zeigte sich dies auch in einer US-amerikanischen Studie von Wendy Middlemiss aus dem Jahr 2011. In der Untersuchung wurden Babys und ihre Mütter beim Schlaftraining begleitet. Beim Schlaftraining nach der Ferber-Methode geht es darum, Babys schrittweise an das Alleinsein beim Einschlafen zu gewöhnen.
War das Stresshormon Cortisol anfangs sowohl bei der Mutter als auch beim schreienden Baby annähernd gleich hoch, so änderten sich diese Werte rasch. Am dritten Tag bereits zeigten viele Säuglinge keine Verhaltensauffälligkeiten mehr, sie hatten „aufgegeben“. Das Stresshormon Cortisol blieb jedoch auf einem hohen Level. Bei den Müttern hingegen sank der Cortisol-Wert, da ihre Kinder kein Stresssignal mehr sendeten.
Eine weitere Studie von Eric D. Finegood et al. aus dem Jahr 2018 legt nahe, dass das Stressreaktionssystem eines Säuglings mit der frühen geistigen Entwicklung zusammenhängt. Höhere Cortisolwerte von Säuglingen im Alter von sieben Monaten und 15 Monaten führten zu einer schlechteren kognitiven Entwicklung im Alter von 15 Monaten.
Ist Weinen manipulativ oder Kommunikation?
Weinen ist ebenso wie das Lachen die Sprache des Babys. Besonders im ersten Lebensjahr haben Babys noch keine große Bandbreite an Gefühlsäußerungen, um mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Je weiter die sprachliche Entwicklung voranschreitet, desto mehr Kommunikationsmöglichkeiten bieten sich für das Kind. Weinen ist demnach gerade in den ersten Lebensmonaten nicht manipulativ, sondern lediglich eine Ausdrucksform.
Sich um ein weinendes, schreiendes Baby zu kümmern, macht aus vielerlei Hinsicht Sinn und hat keineswegs etwas mit Verwöhnen zu tun. Wenn wir unseren kleinen Schatz in den Arm nehmen und an uns drücken, dann tragen wir damit instinktiv zu seiner Entwicklung bei.
Was bewirkt Kuscheln beim Baby?
Zwei Forscherinnen aus Wien, Stefanie Höhl und Trinh Nguyen, zeigten in einer Untersuchung, wie sich die mütterliche und die kindliche Gehirnaktivität durch liebevolle Berührungen aneinander anpassten. Dieser Gleichklang ist für eine gute Bindung zwischen Mutter und Kind unerlässlich.
Kuscheln ist aber auch wichtig für eine gesunde körperliche Entwicklung. Forscherinnen und Forscher der Columbia Universität fanden sogar heraus, dass fehlende Kuscheleinheiten im Zusammenhang mit einer Ungleichheit in der Zellreife stehen. Dies wiederum führt zu einer schlechteren Gesundheit und zu einer biologischen Unterentwicklung. Mit dem Baby kann also gar nicht genug gekuschelt werden.
Verwöhnt Tragen und Stillen das Baby?
Wenn Eltern vorgeworfen wird, ihr Kind zu verwöhnen, geht es dabei oft um das Hochnehmen und Getragenwerden sowie um das Stillen nach Bedarf. Ersteres ist wohl ein kulturspezifisches Phänomen. In den meisten Teilen unserer Erde werden Kinder von Anfang an getragen, einfach, weil es oft keine andere Möglichkeit gibt, das eigene Kind mitzunehmen.
In modernen Industrieländern hingegen haben wir den Luxus, auf Kinderwägen, Babyschalen und Co. zurückgreifen zu können. Das ist einfach und erspart uns Rückenschmerzen. Trotzdem ist das Tragen die ursprünglichere und vor allen Dingen auch die gesündere Variante für das Baby. Im Gegensatz zum Buggy, in dem das Kind still sitzt, erfährt es beim Tragen ständige Bewegung, schult das Gleichgewicht und kommt von selbst zu einer guten Körperhaltung.
Warum ist Stillen nach Bedarf wichtig?
Auch das Stillen nach Bedarf wird dem Verwöhnen des Babys gleichgesetzt. Besonders ältere Generationen können es kaum abwarten, bis das Baby „endlich“ zu essen beginnt. „Stillst du etwa immer noch? Du verwöhnst das Kind doch“, bekommen viele Jungmütter vorgeworfen. Dabei ist längst erwiesen, wie wichtig Stillen ist, nicht nur für die Bindung zwischen Mutter und Kind, sondern auch als Allergieprävention und als Schutz vor Infektionen. Wie eine Untersuchung der WHO zeigte, kann Stillen zudem auch Übergewicht und Adipositas vorbeugen.
Stillen soll aber nicht der einzige Weg sein, um den Nachwuchs zu beruhigen. Sich mit seinem Baby zu befassen, bedeutet gleichzeitig auch, es verstehen zu wollen und zu erkennen, was es wirklich braucht. Das ist mal die mütterliche Brust, ein anderes Mal aber vielleicht Aufmerksamkeit, Zuwendung, gemeinsame Zeit oder eine neue Herausforderung.
Kann man Babys überhaupt verwöhnen?
Gibt es also ein Zuviel an Liebe, Nähe und Bedürfnisbefriedigung? Nach den aktuellen Erkenntnissen ist diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten. Babys zeigen gezielt, was sie gerade brauchen. Gut, dass sie das dann auch einfordern. Neugeborene können gar nicht verwöhnt werden, und ganz sicher werden sie auch nicht zu kleinen Haustyrannen, wenn ihre Bedürfnisse gestillt werden.
Wenn wir unser Baby von Anfang an als eigenständiges Wesen mit einer Vielzahl an Wünschen begreifen, können wir ihm mit der notwendigen Offenheit begegnen. Je älter ein Kind wird und je besser sich Eltern und Kind als Team einspielen, desto einfacher wird dies. Und dann dürfen auch wir Erwachsene uns einmal verwöhnen: am besten mit ganz vielen Kuscheleinheiten mit dem kleinen Nachwuchs.
Autor:in:
Marion Brugger ist ausgebildete Kindergartenpädagogin, Horterzieherin und Volksschullehrerin. Außerdem ist sie Verfasserin eines Buches zum Thema Begabungsförderung. Sie hat eine Tochter und unterrichtet an einer Volksschule in Wien Aktuelle Artikel…
Bildquellen
- Verwoehntes-Baby_Smarterpix-Len44ik-151461572-XL_NM_2-25_2560x1700_V4: Smarterpix-Len44ik