Den Körper für ein Baby so umzubauen, dass es dort neun Monate lang geborgen heranwachsen kann, ist eine große Leistung. Nicht immer gehen diese Veränderungen ohne Ach und Weh vonstatten.
Julia steht nackt vor dem Spiegel und sucht ihr altes Ich. Doch eine um 15 Kilogramm schwerere, ziemlich runde Person verstellt ihr das Bild. Ihr schwangeres-Ich. Mit hohlem Kreuz, ohne erkennbare Bauchmuskulatur, dafür aber mit einem „Atombusen““ der seinesgleichen sucht. Ein Super-GAU? Oder, ganz im Gegenteil, ein Wunder? Ja, das trifft es wohl eher. Julia findet es unfassbar, wie sich ein Körper in vierzig Wochen verändern kann, und freut sich auf ihr Baby. Doch auch wenn alles normal verläuft, gibt es Tage, wo der Powerfrau die Kraft ausgeht und sie sich danach sehnt, ihren Körper wieder ganz für sich allein zu haben.
Die Hormone
Die ersten Veränderungen am Bewegungsapparat kommen in der Schwangerschaft unter dem Einfluss von Hormonen in Gang. Durch den steigenden Östrogen- und Relaxineinfluss werden das Bindegewebe und der Bandapparat aufgelockert. Bei der Geburt ist schließlich ein möglichst lockerer und bewegungsfreudiger Beckenring mehr als erwünscht.
Doch der aufrechte Gang und das Gebären stehen genauer betrachtet in Konkurrenz zueinander:
- Für das Gehen auf zwei Beinen ist Stabilität in der Körpermitte wichtig
- Zum Gebären hingegen ein hohes Maß an Flexibilität.
Diesen Kompromiss, den die Bänder, Knochen und Sehnen insbesondere im Beckenbereich während der Schwangerschaft eingehen, bekommen viele Schwangere schmerzlich zu spüren.
Das Becken
Wenn sich die Symphyse (Schambeinfuge), also die knorpelige Verbindung oberhalb des Venushügels, weitet, kann es beschwerlich werden, die Beine zu heben.
Eine Symphysenlockerung äußert sich durch Schmerzen am Schambein, an der Hüfte oder im Lendenwirbelbereich; sichtbar wird sie in einem Gangbild, das an das Watscheln einer Ente erinnert. Probleme beim Treppensteigen oder beim Umdrehen im Liegen können ebenfalls Hinweise auf einen zu lockeren Beckenring sein.
Was tun?
Die Beschwerden sollten therapeutisch behandelt und dem Becken mit einem speziellen Gurt (Symphysengürtel) von außen Halt gegeben werden. Verebben die Hormone nach der Geburt des Kindes, wird das Becken glücklicherweise von allein wieder stabiler.
Die Iliosakralgelenke
Die Iliosakralgelenke (Kreuz-Darmbein-Gelenke) sind zwei kleine Verbindungen links und rechts am unteren Ende der Wirbelsäule. Diese kleinen Gelenke halten das Kreuz- und das Darmbein zusammen und haben normalerweise sehr wenig Bewegungsspielraum.
Typische Anzeichen für ein blockiertes oder verrenktes Iliosakralgelenk (kurz: ISG) sind Schmerzen in der Leistengegend, der Hüfte oder im seitlichen Beckenbereich. Sie treten oft einseitig auf und werden durch langes Sitzen, falsche Bewegungen oder Fehlbelastungen ausgelöst. Die großen Rundungen einer Schwangeren können unzweifelhaft als außergewöhnliche Belastung für den Beckenring gelten. So verwundert es kaum, dass viele werdende Mütter mit dem ISG auf Kriegsfuß stehen. Zudem leiden viele wegen der engen Nachbarschaft zum Ischiasnerv auch an ausstrahlenden Nervenschmerzen.
Was tun?
- Sanfte gymnastische Übungen können dabei helfen, das Becken wieder auszubalancieren, den eingeklemmten Nerv freizugeben und die Blockade im ISG zu lösen.
- Helfen diese nicht, tut dies am besten der Physiotherapeut oder ein Chiropraktiker.
Der Bauch
Durch den wachsenden Bauch wird die Bauchmuskulatur auf die Seite gedrängt und verliert zunehmend die Stützfunktion für den Rumpf. Der Körperschwerpunkt verlagert sich im Laufe der Schwangerschaft naturgemäß auch immer weiter nach vorne und das Becken verändert seinen Neigungswinkel. So wachsen mit dem zunehmend größer werdenden Bauch auch die Probleme für den Bewegungsapparat und der Körper unternimmt viel Extraanstrengung, um im Lot zu bleiben.
Was tun?
Mit einem starken Rücken ist man daher klar im Vorteil, denn so viel Zug wie in der Schwangerschaft hat er wohl bisher noch nicht erlebt. Um sich fit und kräftig zu halten, sind Sportarten mit ruhigen oder moderaten Bewegungsabläufen besonders geeignet. Gleichmäßige Belastungen aktivieren das Herz-Kreislauf-System und sorgen für eine gute Durchblutung des ganzen Körpers. Übungen, die den Rücken stärken, helfen dabei, die verloren gegangene Stützfunktion der Bauchmuskulatur zu kompensieren.
Im letzten Schwangerschaftsdrittel sind Sportarten wie Schwimmen oder Aquagymnastik besonders zu empfehlen, um die Gelenke durch das zunehmende Gewicht nicht zu sehr zu belasten. Denn aufgepasst, lockere Bänder erhöhen die Verletzungsgefahr und übermäßiger Ehrgeiz führt vor allem im Hüft- und Beinbereich deutlich rascher zu einer Überdehnung. Gute Sportschuhe, die den Sprunggelenken Halt geben, schützen vor Knöchelverletzungen.
Der Beckenboden
Auch der Beckenboden ist während der Schwangerschaft mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert. Er hält das Baby im Körper und soll es erst bei der Geburt loslassen.
Aus drei Schichten bestehend, verschließt die trapezförmige Muskulatur den Beckenausgang und hat einen großen Einfluss auf den Halt der Organe im Körperinneren und die Körperhaltung.
Was tun?
Dem Beckenboden wird in der Phase der Rückbildung viel Aufmerksamkeit geschenkt; vier bis sechs Wochen nach der Geburt kann mit regelmäßigen Übungen zur Kräftigung begonnen werden.
- Die ersten achtsamen Übungen werden meist im Liegen durchgeführt und beschränken sich auf kleine Bewegungen. So soll beispielsweise der Nabel in den Bauch zurückgezogen werden, um die Körpermitte wieder zu zentrieren. Rückbildungsübungen gehören zu den ersten wichtigen Schritten der Rückeroberung des eigenen Körpers. Denn auch wenn wir vom Bewegungsapparat sprechen, sind Menschen keine Maschinen. So braucht auch jede frischgebackene Mutter einen individuell zugeschnittenen Trainingsplan und unterschiedlich viel Zeit, bis sie wieder ganz eins mit sich selbst ist.